Der Weg zum Glück

GEPRÜFT DURCH | STEFANIE STAHL & LUKAS KLASCHINSKI VERÖFFENTLICHT | 21.02.2024

Hand aufs Herz – wir wünschen uns doch alle einfach nur glücklich zu sein. Neben konkreten Lebenszielen wie bestimmten Reisen, dem Traumjob oder der Gründung einer Familie, streben viele von uns auch nach diesem unspezifischen Glücksempfinden. Wir streben nach Glück, als wäre es ein Ziel, das wir endgültig erreichen können. Dabei ist Glück kein Punkt auf unserer Bucket-List, den wir abhaken können. Das Glück kann kommen und gehen und wenn wir mal nicht glücklich sind, obwohl die äußeren Umstände doch eigentlich stimmen, fragen wir uns vielleicht, ob etwas mit uns nicht stimmt. Kann es also sein, dass uns das Streben nach Glück auch unglücklich machen kann?

Dass es uns ganz schön stark unter Druck setzen kann, wenn wir immer nur glücklich sein wollen, haben wir schon aus unserem Blogbeitrag zu toxischer Positivität gelernt. Alle Gefühle sind ein wesentlicher Bestandteil unseres Menschseins. Sie erfüllen den wichtigen Zweck, uns auf unsere Bedürfnisse hinzuweisen. Durch toxische Positivität, also die Überzeugung, dass wir immer glücklich sein müssen, neigen wir dazu, unangenehme Gefühle zu unterdrücken. Genau das kann diese Gefühle verstärken und weitere problematische Folgen haben. So kommen wir in dem Beitrag zum Fazit: “Statt auf Krampf glücklich sein zu wollen, sollten wir uns bemühen, einen Zugang zu unseren Emotionen zu finden, sie zuzulassen und zu verarbeiten. Nur so kann Authentizität gelebt und eine gesunde psychische Verfassung gefördert werden.”

Wir nehmen uns nun vor, die unangenehmen und angenehmen Gefühle in unserem Leben anzunehmen, um langfristig eben doch glücklicher zu sein. Klingt paradox, aber nur glücklich sein zu wollen, macht uns langfristig unglücklich.

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Worin besteht der Unterschied zwischen Glück, Zufriedenheit und Freude?

Für die Antwort auf diese Frage orientieren wir uns an dem Psychologieprofessor Philipp Mayring. Nach Mayring ist Freude wie ein blitzartiges Gefühl, das uns mitten ins Herz trifft, meistens wenn das Leben uns mit etwas Schönem überrascht. Es ist dieses unmittelbare Glücksgefühl, das uns überkommt, wenn wir eine gute Nachricht erhalten oder uns auf etwas besonders freuen. Doch genauso schnell, wie sie kommt, kann die Freude auch wieder vorüber sein. Sie ist ein situativer und vorübergehender Zustand, der von verschiedenen Ereignissen oder Momenten ausgelöst werden kann. Freude ist ein Geschenk des Augenblicks.

Glück ist ein Zustand, der länger anhält als Freude, aber nicht so beständig ist wie Zufriedenheit. Es ist eine Mischung aus Glück haben und glücklich sein, wie Mayring es beschreibt – ein Zustand und eine Eigenschaft zugleich. Man kann Glück haben oder glücklich sein. Oft verbindet uns Glück mit etwas Größerem als uns selbst, sei es das herzliche Lachen in geselliger Runde oder das stille Innehalten in der Natur.

Zufriedenheit ist laut Mayring das stabilste der drei Gefühle und stellt eher einen ruhigen Gefühlszustand dar. In Lukas Klaschinskis neuem Buch “Fühl dich ganz”, wird sehr bildlich zusammengefasst:

 “Während Freude wie ein Feuerwerk wirkt und sich Glück mit einem kurzweiligen Rausch vergleichen lässt, erscheint Zufriedenheit wie dieser alte, treue Freund, der uns im Arm hält, lange nachdem die Party vorbei ist.”

Komm in den Flow

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Das Konzept des „Flow“ wurde von dem Psychologen Mihály Csikszentmihalyi entwickelt. Flow beschreibt einen angenehmen mentalen Zustand, in dem man sich konzentriert und optimal gefordert fühlt, während man vollständig in eine Tätigkeit eintaucht. Die Hauptkomponenten sind Absorbiertheit, wahrgenommene Anforderungs-Fähigkeits-Balance und Freude. Handlungen fließen nahtlos ineinander über, und die Gedanken sind ganz auf die aktuelle Tätigkeit gerichtet. Das Bewusstsein für das Selbst und die Zeit geht dabei verloren, sodass Personen im Flow-Zustand oft nicht bemerken, wie die Stunden vergehen. Kennst du das Gefühl, beim Arbeiten, Musizieren oder im Sport vollkommen zu versinken?

Die optimale Beanspruchung entsteht durch hohe Anforderungen in Verbindung mit hohen Fähigkeiten. Trotz dieser Herausforderungen empfindet man stets Kontrolle über die eigenen Handlungen. Klare Ziele und Rückmeldungen sind ebenfalls wichtig, um in den Flow zu gelangen. Dabei können Rückmeldungen auch aus der Tätigkeit selbst kommen, z.B. den richtigen Ton beim Spielen eines Instruments zu hören. 

Im Flow werden Gedanken, Absichten, Gefühle und Sinne, die alle auf dasselbe Ziel ausgerichtet sind, miteinander integriert. Dabei kann das Flow-Erleben in verschiedenen Intensitätsgraden auftreten, von tiefem Flow, der über einen längeren Zeitraum anhält, bis hin zum Mikro-Flow, der nur kurzzeitig ist. Die subjektive Wertigkeit der Tätigkeit ist entscheidend: Je höher der individuelle Wert einer Tätigkeit empfunden wird, desto größer ist die Chance auf eine tiefe Flow-Erfahrung

Aber was haben Flow und Glück denn nun miteinander zu tun? Gibt es spannende und vielversprechende Ergebnisse, die die aktuelle Flow-Forschung für uns bereithält? Ja! Personen fühlen sich nach einer Flow-Erfahrung fähiger, geschickter und befinden sich in einer positiveren Stimmung. Verschiedene Studien zeigen den Zusammenhang von Flow und psychischem Wohlbefinden sowie einer höheren Lebenszufriedenheit. Im Arbeitskontext hängt Flow mit einer höheren Arbeitszufriedenheit und mehr Energie am Feierabend zusammen. Dr. Corinna Peifer zeigte in ihrer Studie aus dem Jahr 2020 sogar, dass Flow am Feierabend mehr Wohlbefinden am nächsten Morgen vorhersagen konnte.

Warum streben wir nach den angenehmen Gefühlen?

Angenehme Gefühle tragen zur Lebensqualität bei und können uns motivieren, Ziele zu verfolgen und Herausforderungen anzunehmen, vor allem durch das dopaminerge System in unserem Gehirn. 

Sie erfüllen auch unsere psychischen Grundbedürfnisse, indem sie ein Gefühl von Selbstwirksamkeit, Kontrolle und sozialer Verbindung vermitteln. Aus diesem Grund neigen wir dazu, unser Streben nach angenehmen Gefühlen als eine Form der emotionalen Regulation zu betrachten. Angenehme Emotionen dienen auch als Bewältigungsmechanismus, der uns hilft, mit Stress umzugehen und schwierige Situationen zu bewältigen.

Die philosophische hedonistische Perspektive geht davon aus, dass Menschen nach Freude und Lust streben, um Leiden zu minimieren und ihr persönliches Wohlbefinden zu maximieren. Das Streben nach Glück wird daher als grundlegende Triebfeder für menschliches Verhalten angesehen, da es uns dazu motiviert, Dinge zu tun, die uns Freude bereiten und uns ein erfülltes Leben ermöglichen.

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Woher kommen Überzeugungen, kein Recht auf Freude, Glück und Zufriedenheit zu haben?

Manchmal haben wir den Eindruck, Glück nicht zu verdienen oder kein Recht darauf zu haben. Solche dysfunktionalen (nicht hilfreichen) Überzeugungen können aus verschiedenen Quellen stammen. Ein niedriges Selbstwertgefühl spielt oft eine große Rolle, da Personen möglicherweise das Gefühl haben, dass sie nicht gut genug sind, um Glück zu erleben.

Des Weiteren können tief verankerte Glaubenssätze, die früh im Leben erworben wurden, diese Überzeugungen verstärken. Beispiele hierfür sind Überzeugungen wie „Ich habe es nicht verdient, glücklich zu sein“ oder „Ich darf nicht glücklicher sein als meine Eltern“. Solche Glaubenssätze können durch familiäre Umstände oder Erziehung geprägt und schwer zu überwinden sein.

Soziale Normen und kulturelle Überzeugungen spielen ebenfalls eine Rolle. Manche Menschen sind der Meinung, dass man Glück und Freude verdienen muss, indem man hart arbeitet oder kämpft. Für sie ist Glück an Bedingungen geknüpft, und sie fühlen sich möglicherweise schuldig, wenn sie es ohne Anstrengung erreichen. Diese Überzeugungen können von der Gesellschaft oder bestimmten sozialen Gruppen vermittelt worden sein.

Insgesamt können diese Überzeugungen tief verwurzelt sein und es schwer machen, Freude und Glück zuzulassen. Es erfordert oft eine bewusste Auseinandersetzung mit diesen Glaubenssätzen und möglicherweise professionelle Unterstützung, um sie zu überwinden und eine positivere Einstellung zum eigenen Glück zu entwickeln.

Der Mythos vom dauerhaften Glück

Unrealistische Erwartungen können eine große Hürde auf dem Weg zum Glück sein. Ein häufiges Missverständnis ist, dass Glück irgendwann erreicht wird und dann für immer anhält – als gebe es eine Endstufe, einen sorglosen Zustand vollkommener Glücklichkeit. Die Realität ist jedoch oft anders: Glückszustände sind vorübergehend und können schwanken. Streben wir dauerhaft nach Glück, setzen wir uns unter Druck und haben hohe Erwartungen an diesen Zustand. Ein typisches Beispiel ist die Vorfreude auf den Urlaub, wenn man gestresst vom Job ist. Man erwartet, dass der Urlaub einen vollkommenen Glückszustand bringt. Doch oft werden diese Erwartungen nicht erfüllt, weshalb Enttäuschung vorprogrammiert ist. 

Wir tendieren dazu, den „Soll-Zustand”, also unsere Vorstellung vom Glück mit dem „Ist-Zustand”, der Realität, abzugleichen. Wenn diese nicht übereinstimmen, kann Unzufriedenheit entstehen. Dennoch ist es wichtig, weiterhin Erwartungen zu haben, da sie uns motivieren und vorantreiben. Es geht vielmehr darum, realistische Erwartungen zu entwickeln und zu akzeptieren, dass Glück oft aus kleinen Momenten besteht und nicht dauerhaft erreicht werden kann. Akzeptanz für die Höhen und Tiefen des Lebens ist schließlich auch zentral, um Herausforderungen begegnen zu können und so auch zufriedener zu werden. 

Druck und Stress, die oft mit dem Streben nach Glück und Zufriedenheit einhergehen, können paradoxerweise dazu führen, dass Menschen das Gegenteil erreichen und depressive Symptome zeigen. Dies liegt zum Teil daran, dass Menschen, die stark nach Glück streben, dazu neigen, ihre Fortschritte zu beobachten und zu vergleichen. Dadurch sind sie ständig in der Zukunft und der Vergangenheit gefangen und nicht im Hier und Jetzt, was dem Empfinden von Glück im Wege stehen kann. Studien zeigen, dass das Leben im Hier und Jetzt entscheidend für das Glücksempfinden ist, was wiederum mit Achtsamkeit verbunden ist. 

Eine weitere Herausforderung ist die „hedonistische Tretmühle“, in der Menschen gefangen sind. Das Konzept beschreibt, dass Menschen nach einschlägigen Erlebnissen wie einem Lottogewinn, einer Hochzeit oder einem Verlust nach kurzzeitiger Veränderung der Lebenszufriedenheit wieder auf das vorherige Grundlevel zurückkommen. Sie gewöhnen sich an die Veränderungen durch die Ereignisse und streben immer nach dem nächsten Glücksmoment, was zu einem starken Druck führen kann, ständig glücklich sein zu müssen.

Die Verleugnung negativer Emotionen ist ebenfalls problematisch. Alle Emotionen erfüllen wichtige Funktionen und weisen uns auf unerfüllte Bedürfnisse hin. Wenn negative Emotionen vermieden oder verleugnet werden, entsteht eine Distanz zwischen dem, wie man sich fühlen sollte, und dem, wie man sich tatsächlich fühlt. Dies kann das persönliche Wachstum einschränken, indem Konflikte vermieden werden und man sich von äußeren Umständen abhängig macht.

Die Kommerzialisierung von Glück ist ein weiterer Aspekt. Der Marketing-Bereich nutzt das Streben nach Glück als Verkaufsargument und bewirbt Produkte und Dienstleistungen oft damit, das Glück zu steigern. Dies kann zu einem Konsumverhalten führen, das auf kurzfristige emotionale Befriedigung abzielt, anstatt langfristige Erfüllung zu suchen.

Abschließend kann gesagt werden, dass das Ziel vom ständigen ultimativen Glück die Realität vernachlässigt, dass persönliches Wachstum, Resilienz und die Bewältigung von Herausforderungen oft mit der Auseinandersetzung mit verschiedenen, auch unangenehmen Emotionen einhergehen. Forschung in der positiven Psychologie zeigt, dass die Bewältigung von Herausforderungen und das daraus resultierende persönliche Wachstum wesentliche Bestandteile eines erfüllten Lebens sind.

Was können wir für unser Glück tun?

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Wie in unserem Abschnitt zu Flow bereits klar geworden ist, können Flow-Erlebnisse, bei denen man vollständig in einer Tätigkeit aufgeht, dabei helfen, sich lebendig und erfüllt zu fühlen. Also überlege dir, welche Aktivitäten dich in den Flow bringen und wie du vielleicht mehr davon in deinen Alltag integrieren kannst. 

Realistische Erwartungen helfen, sich bewusst darüber zu werden, dass es immer Höhen und Tiefen gibt. Herausforderungen können als Teil des Lebens betrachtet werden und ein guter Umgang damit hilft, unser persönliches Wachstum zu fördern. 

Die umfangreichste Längsschnittstudie zum Thema Glück und Zufriedenheit, die bisher gemacht wurde, begleitete Menschen von ihrem Teenageralter bis zum Tod. Dabei stellte sich heraus, dass Glück und Erfüllung im Leben nicht durch Geld oder Status erreicht werden, noch durch längeres oder härteres Arbeiten. Stattdessen fanden die Teilnehmenden Glück und Erfüllung vor allem in den Beziehungen, die sie führten – sowohl zu anderen Menschen als auch zu sich selbst. Die Bedeutung zwischenmenschlicher Beziehungen ist vielen von uns klar, aber auch die Beziehung zu uns selbst sollten wir nicht vernachlässigen. 

Selbstakzeptanz – sich selbst mit allen Stärken und Schwächen anzunehmen, mindert den Druck, immer perfekt und glücklich sein zu müssen und kann so zu unserer Zufriedenheit beitragen.

Achtsamkeit, also das bewusste Erleben des gegenwärtigen Moments ohne Wertung, kann helfen, die Schönheit des Augenblicks zu schätzen, unabhängig von äußeren Umständen. Neben der Achtsamkeit für äußere Umstände, kannst du auch achtsam für deine eigenen Gefühle sein.

Fazit: Umwege zum Glück


Der Wunsch nach Glück ist menschlich. Wir dürfen uns nach Glücksmomenten sehnen und nach Aktivitäten und Beziehungen suchen, die uns Freude und Zufriedenheit bringen. Dabei helfen uns realistische Erwartungen, Achtsamkeit und Gefühlsbereitschaft. Den einen Weg zum ultimativen Glück gibt es nicht, aber wie bei vielen Dingen im Leben, können wir auch auf Umwegen ans Ziel gelangen.

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