Choleriker:innen und wie man mit ihnen umgeht

GEPRÜFT DURCH | STEFANIE STAHL & LUKAS KLASCHINSKI VERÖFFENTLICHT | 03.04.2024

Überraschende Wutausbrüche, Aggressivität und Jähzorn – Mit diesen Worten werden Choleriker:innen oft beschrieben. Wer cholerische Menschen kennt, weiß, wie schwierig der Umgang mit ihnen sein kann. Man muss immer auf der Hut sein, wie auf Eierschalen laufen und bloß keinen Stress verursachen. Zumindest, wenn man nicht von einem Wutanfall betroffen werden möchte. 

Erst einmal klingen diese Eigenschaften nicht unbedingt sympathisch und eventuell kommt die Frage auf, wieso man sich überhaupt mit solchen Menschen umgeben sollte. Wir wollen heute etwas Klarheit und Hilfen im Umgang mit Choleriker:innen bieten, denn manchmal hat man nicht die Wahl, sich diesen zu entziehen. Also, was bedeutet es eigentlich, cholerisch zu sein? Wieso sind Menschen cholerisch und wie kann man mit diesen Menschen umgehen?

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Die Geschichte des Temperaments

Der Begriff “Choleriker” geht ursprünglich auf die sogenannte Viersäftelehre von Hippokrates zurück. Diese besagt, dass ein Mensch gesund ist, wenn die vier Säfte des Körpers, die Hippokrates damals einbezogen hat, im Gleichgewicht sind: Blut, Schleim, gelbe und schwarze Galle. Später wurden diese Säfte mit verschiedenen Formen des Temperaments in Verbindung gebracht. Die Idee war, dass je nachdem, welcher der vier Säfte vermehrt im Körper auftritt, bestimmte Persönlichkeitseigenschaften vorhanden seien:

Blut = Sanguiniker:in = temperamentvoll, sorglos, heiter und aktiv  

Schleim = Phlegmatiker:in = langsam, bedacht, passiv, schwerfällig

Schwarze Galle = Melancholiker:in = sorgenvoll, schwermütig, traurig, nachdenklich

Gelbe Galle = Choleriker:in = reizbar, wechselhaft, hitzig, erregbar

Was macht Choleriker:innen aus?

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Die Typenbeschreibung, die auf der Viersäftelehre beruht, konnte wissenschaftlich nicht belegt werden und gilt als überholt. Heutzutage haben die Wörter sich aber noch in der Umgangssprache erhalten und die Einteilung gilt auch weiterhin als wichtiger theoretischer Bezugspunkt für aktuell gültige, beziehungsweise viel zitierte Temperamentstheorien. Eine davon ist die Theorie von dem Psychologen Jürgen Eysenck, der Menschen auf zwei Dimensionen einordnet: Laut der Theorie unterscheiden Menschen sich bezüglich der emotionalen Stabilität (instabil vs. stabil) und ihrer Extraversion (extro- vs. introvertiert). 

Nach Einteilung von Eysenck sind Choleriker:innen emotional labil und extrovertiert. Das bedeutet, Choleriker:innen sind einerseits gesellig, umgeben sich gerne mit anderen Menschen, sind gesprächig und fühlen sich in sozialen Situationen oft wohl und energiegeladen (Extraversion). Andererseits können geringfügige Reize zu raschen und starken Schwankungen der Grundstimmung führen (emotionale Labilität). 

Dies wirkt schon fast, als hätten cholerische Menschen zwei Seiten, was sich auch in Eigenschaften wiederfindet, die wir ihnen zuordnen würden. Zu eher positiv besetzten Charakterzügen von Choleriker:innen gehören Willensstärke, Furchtlosigkeit, Entschlossenheit und die schon benannte Extraversion. Dem Gegenüber stehen leichte Erregbarkeit, Unausgeglichenheit, Jähzornigkeit, Impulsivität und die Neigung zu Wutanfällen. Bei solch einer Bewertung von Eigenschaften dürfen wir aber nicht vergessen, dass der Kontext eine bedeutende Rolle spielt. In manchen Situationen ist es sicher hilfreich furchtlos und impulsiv zu sein, während es in anderen Momenten verletzend oder grenzüberschreitend ist, weshalb eine Einordnung in gute und schlechte Seiten von Menschen nicht sinnvoll ist.

Wie kommt es zu Wutausbrüchen?

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Wutausbrüche sind eine Art mit Gefühlen umzugehen. Häufig überdeckt die Wut ein anderes Gefühl, welches vermieden werden soll, weil es zu sehr schmerzt. Dieses Gefühl kann zum Beispiel aus der Kindheit bekannt sein, etwa eine tiefe Traurigkeit oder Einsamkeit. Ausgelöst werden solche Wutanfälle z.B. durch Überforderung, Kontrollverlust oder Verlust von Selbstbeherrschung. Während cholerische Menschen nach außen oft sehr bedrohlich wirken und es auch tatsächlich sein können, fühlen sie sich innerlich eigentlich ganz klein. Meist steckt hinter diesem Verhalten nämlich ein geringes Selbstwertgefühl, wodurch Choleriker:innen sich schnell angegriffen oder nicht gehört fühlen und kaum Kritik aushalten.

Mit der eigenen Wut umgehen

Negative Emotionen lassen sich physiologisch innerhalb von 90 Sekunden im Körper auflösen, wenn wir sie vorbeiziehen lassen. Das heißt, unser Körper kann Gefühle regulieren. Die Wut hat, wie alle unsere Emotionen, ihre Berechtigung, aber es muss gelernt werden, damit umzugehen und diese nicht an unseren Mitmenschen auszulassen. Das Problem ist also nicht das Gefühl, sondern, wie es zum Ausdruck gebracht wird. Um nicht in Wutanfälle zu geraten, sondern die Wut anders herauszulassen, kann körperliche Aktivität helfen. Durch Sport und Bewegung kommen wir wieder aktiv ins Denken und sind in der Lage zu reflektieren, statt die Wut auszuagieren. Auch Ablenkung oder achtsamkeitsbasierte Verfahren können unter Umständen helfen, den Körper bei starker Wut herunter zu regulieren und ebenfalls wieder aktiv nachdenken zu können. Wutausbrüche können auch durch Überforderung oder Dauerstress ausgelöst werden, in solchen Fällen könnten Methoden zum Stressabbau helfen, auf die wir in einem anderen Blogbeitrag eingehen. 

Ist das Gefühl vorbeigezogen, kann es hilfreich sein, geschehene Situationen zu analysieren: Wann treten Wutausbrüche auf? Wie machen sie sich schon vorher bemerkbar? Wie können diese Situationen vermieden werden? Wie kann ich mir Gehör verschaffen, ohne laut zu werden? Hier könnten Möglichkeiten sein, die Wut nicht direkt rauszulassen, zu Lernen aus dem Kontakt zu gehen, sich zu beruhigen und dann die auszulösende Situation anzusprechen.

Danach ist kognitive Neubewertung nützlich, indem man sich fragt, was für mögliche andere Interpretationen der Situation, die die Wut hervorgerufen hat, es geben könnte. Zum Beispiel: Wollte die andere Person mich wirklich provozieren und erniedrigen oder war sie einfach gerade abgelenkt oder hat sie sich selbst unter Druck gesetzt?

Wie ist es, cholerische Eltern zu haben?

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Was in unserer Kindheit passiert, prägt unser Leben maßgeblich. Wir sind auf unsere Eltern angewiesen und ihnen auch ausgesetzt, weil wir uns noch nicht verteidigen können. Zudem sind wir in der Zeit sehr formbar, weil wir uns entwickeln und viel lernen. Wenn wir uns jetzt vorstellen, dass so ein formbares abhängiges Wesen ständigen Wutausbrüchen ausgesetzt ist, ist es nicht schwer zu erraten, dass das Konsequenzen haben kann. Solche Kinder nehmen die Welt als einen unberechenbaren und unbeständigen Ort wahr, in dem sie ständig auf der Hut sein müssen.

Weitere mögliche Folgen sind Schreckhaftigkeit, Vertrauensprobleme, ein dauerhafter Stresszustand oder unterwürfiges Verhalten, aus Angst, irgendwie Wutausbrüche auslösen zu können. Zudem können Kinder ohne passende Vorbilder selbst auch keinen adäquaten Umgang mit Gefühlen erlernen, was ebenfalls zu heftigen Wutanfällen führen könnte, weil das cholerische Verhalten abgeguckt wird. Es kann auch passieren, dass Kinder von Choleriker:innen sich selbst cholerische Partner:innen suchen, weil sie das Verhalten kennen oder es eventuell als normal ansehen. Für viele Menschen ist es einfacher, sich in gewohnten, aber schmerzhaften Beziehungskonstellationen zu bewegen, statt sich in neue, unsichere zu wagen.

Wie gehe ich mit Choleriker:innen um?

1.

Möglichst ruhig bleiben

Verfallen Choleriker:innen in Wutausbrüche, ist es schwer dagegen anzukommen. Reagiert man ebenfalls mit Wut, kann sich der Streit hochschaukeln. Daher ist es wichtig, ruhig zu bleiben und den Wutanfall vorbeiziehen zu lassen. Das ist natürlich einfacher gesagt als getan, kann aber helfen, danach über das Geschehene auf konstruktive Art zu sprechen.

2.

Grenzen setzen

Im Umgang mit cholerischen Menschen ist es von Bedeutung sich der eigenen Grenzen bewusst zu sein und diese auch umzusetzen. Welches Verhalten ist für dich in Ordnung und welches nicht? Werden deine Grenzen überschritten, liegt es in deiner Verantwortung das zu kommunizieren. Das Verhalten von Choleriker:innen kann nicht einfach hingenommen werden in der Hoffnung, dass es von allein verschwindet. Wenn du dir deiner Grenzen bewusst bist, kannst du diese auch anderen Menschen mitteilen. Dies ist zum Beispiel möglich, indem man im Nachhinein bestimmte Situationen mit der anderen Person durchgeht und erklärt, wieso man das Verhalten nicht erdulden möchte. Du kannst zum Beispiel sagen: ”Wenn du so mit mir sprichst, fühle ich mich nicht respektiert.”

3.

Verständnis zeigen

Cholerische Menschen fühlen sich oft ungerecht behandelt und nicht gehört. Hinter den Ausbrüchen liegt oft ein Gefühl der Ohnmacht, weshalb Verständnis und ein offenes Ohr Wunder bewirken können. Indem du anerkennst, dass die Person sich nicht gehört fühlt, Wutausbrüche aber kein guter Umgang sind, können Choleriker:innen sich öffnen und an sich arbeiten.

4.

Klare Absprachen treffen

Es kann auch nützlich sein eine Art „Notfallplan” zu erstellen. In diesem könnt ihr gemeinsam festhalten, was die cholerische Person braucht, um mit ihrer Wut anders umzugehen, aber auch was ihr braucht, um nicht verletzt zu werden. Solche Pläne sind sehr individuell und brauchen eine gute Kommunikation und Kompromissbereitschaft beider Parteien. Sie können aber helfen, damit sich alle Beteiligten in brenzligen Situationen nicht so allein und hilflos fühlen.

5.

Bereitschaft, sich zu lösen

In einigen Fällen sind Dynamiken so stark verinnerlicht, dass es nicht möglich ist, wieder herauszukommen. In solchen Fällen kann es sein, dass die Personen sich voneinander lösen müssen, um sich nicht gegenseitig zu verletzen. Eventuell hilft auch professionelle Unterstützung in Form einer Psychotherapie.

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