Vertrauen wieder aufbauen – wie es gelingt

GEPRÜFT DURCH | STEFANIE STAHL & LUKAS KLASCHINSKI VERÖFFENTLICHT | 29.11.2023

Vertrauen bedeutet, optimistisch in die Zukunft zu blicken, ohne Gewissheit darüber zu haben, ob diese positive Erwartung wirklich eintreffen wird. Der Akt des Vertrauens setzt sich mit Ungewissheit und Risiko auseinander und erfordert daher eine beträchtliche Portion Mut. Die Wurzeln des Begriffs lassen sich aus seiner etymologischen Herkunft ableiten: Das Präfix „ver“ impliziert ein resultierendes Vollenden, während das Wort „trauen“ das Wagnis, den Mut, die Hoffnung und den Glauben beschreibt. Vertrauen bezieht sich auf die zukünftige Entwicklung und beruht gleichzeitig auf den Erfahrungen, die aus der Vergangenheit stammen.

„Im Leben braucht man nur Ungewissheit & Vertrauen. Dann ist der Erfolg gesichert.“

Mark Twain

Wie schnell wir einer fremden Person vertrauen, hängt von vielen Faktoren ab, wie beispielsweise von unseren bisherigen Beziehungserfahrungen. Vertrauen ist dabei die Basis von tieferen sozialen Beziehungen. Ohne Vertrauen würde unsere ganze Gesellschaft nicht funktionieren. Vertrauen bringt aber auch ein gewisses Risiko und eine Verletzlichkeit mit sich. Ist es einmal gebrochen, ist es gar nicht so leicht wiederherzustellen. Und manchmal ist sogar fraglich, ob wir erneut Vertrauen zu einer Person aufbauen wollen, die uns sehr enttäuscht hat. 

Warum ist Vertrauen wichtig für Beziehungen?

Vertrauen ist entscheidend für eine langfristige Bindung, denn Vertrauen schafft die notwendige Grundlage für die Entwicklung von Intimität in Beziehungen. Es ermöglicht den Partner:innen, sich emotional zu öffnen. Vertrauen sorgt für Stabilität und bietet ein Gefühl von Sicherheit. In vertrauensvollen Beziehungen können die Partner:innen offen miteinander kommunizieren. Sie teilen Bedenken, Wünsche und Gefühle, ohne Angst vor Verurteilung. Auch Konflikte lassen sich besser bewältigen. In vertrauensvollen Beziehungen halten die Partner:innen ihre Zusagen ein. Die Verbindlichkeit, die durch Vertrauen entsteht, schafft eine zuverlässige Basis für die Partnerschaft und gemeinsame Ziele. 

Woher kommt unser Vertrauen?

Unsere bisherigen Erfahrungen in Beziehungen beeinflussen maßgeblich, wie schnell wir Vertrauen zu neuen Menschen aufbauen. Dabei bestimmen die ersten Lebensjahre, ob wir tendenziell Vertrauen in die Welt und die Menschen um uns herum entwickeln oder nicht. 

Urvertrauen ist ein von dem Psychologen Erik H. Erikson eingeführter Begriff, der die innere emotionale Sicherheit beschreibt, die ein Kind in den ersten Lebensmonaten aufbaut. Ein Neugeborenes ist darauf angewiesen, versorgt zu werden, und diese Erfahrungen fördern das Vertrauen gegenüber den primären Bezugspersonen. Es ist wichtig, dass Kinder sowohl Vertrauen als auch Misstrauen erleben, wobei eine stärkere Entwicklung des Vertrauens entscheidend ist.

Die Bindungstheorie des Psychiaters John Bowlby unterstreicht ebenfalls die weitreichenden Auswirkungen der Erfahrung von Zuverlässigkeit in der Kindheit auf unsere psychische Entwicklung. Nach dieser Theorie ist eine sichere Bindung zwischen einem Kleinkind und seiner primären Bezugsperson entscheidend, um im Erwachsenenalter stabile Beziehungen aufzubauen. 

Was entscheidet darüber, ob wir Vertrauen zu einer Person aufbauen?

Die Faktoren, die darüber entscheiden, ob wir Vertrauen zu einer Person aufbauen, sind vielfältig und werden durch unterschiedliche Aspekte beeinflusst. Insbesondere bei (noch) fremden Personen spielen verschiedene Elemente eine Rolle.

Konsistentes Verhalten, das frei von Widersprüchen ist, bildet eine entscheidende Grundlage für das Vertrauensverhältnis. Menschen neigen dazu, Vertrauen aufzubauen, wenn das Verhalten der anderen Person vorhersehbar und verlässlich ist.

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Vertrauenswürdige Menschen zeichnen sich oft durch große Empathie, Mitgefühl und eine starke Hilfsbereitschaft aus. Diese Eigenschaften schaffen eine emotionale Verbindung und tragen dazu bei, Vertrauen zu stärken.

Positive Erfahrungen in der Interaktion mit einer Person fördern das Vertrauensverhältnis. Wenn wir angenehme Begegnungen und kooperative Interaktionen erleben, neigen wir dazu, Vertrauen aufzubauen.

Das äußere Erscheinungsbild spielt ebenfalls eine Rolle. Studien zeigen, dass wir Menschen, die uns ähnlich sehen, eher vertrauen. Die Theorien hinter diesem Faktor gehen davon aus, dass Menschen sich selbst wahrscheinlich eher als vertrauenswürdig einschätzen. Wenn uns jemand sehr ähnlich sieht, scheint die Person folglich auch vertrauenswürdiger zu sein. Aus einer optischen Ähnlichkeit wird also auf eine Ähnlichkeit in Werten und Moral geschlossen. 

Insgesamt sind Vertrauensentscheidungen komplexe Prozesse, die auf einer Vielzahl von persönlichen Erfahrungen, Beobachtungen und kognitiven Bewertungen basieren. Durch positive Interaktionen, konsistentes Verhalten und gemeinsame Werte können Beziehungen gestärkt und Vertrauen aufgebaut werden.

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Woran erkennt man, ob man einer Person nach einem Vertrauensbruch wieder vertrauen sollte?

Dafür gibt es nie eine Garantie. Ein paar gute Anzeichen können sein, dass die andere Person den Fehler einsieht, Geduld hat, Empathie für den Schmerz der betrogenen Person zeigt und ihr aktiv Sicherheit gibt. Wenn du zu dem Schluss kommst, dass du einer Person nach einem Vertrauensbruch nicht länger vertrauen möchtest, hat das gleichermaßen seine Berechtigung, wie der Wunsch, daran zu arbeiten. 

Wie kann man Vertrauen wieder aufbauen?

Wenn das Vertrauen zu einer Person gebrochen wurde, ist es möglich, es wieder aufzubauen, indem sowohl die Person, die das Vertrauen gebrochen hat, als auch die betroffene Person bestimmte Schritte unternehmen.

Die Person, die das Vertrauen gebrochen hat, sollte Geduld zeigen und ein tiefes Verständnis für den Schmerz der anderen Person entwickeln. Empathie ist entscheidend, um die Emotionen des Betroffenen nachzuvollziehen. Zuverlässigkeit und Beständigkeit ist unerlässlich, um wieder Vertrauen aufzubauen, ebenso wie die Einsicht in die eigenen Fehler und die Bereitschaft, Verhaltensweisen zu ändern. Zusätzlich kann es hilfreich sein, zu hinterfragen, warum man den Vertrauensbruch begangen hat und das Thema aufzuarbeiten.

Auf der Seite der vom Vertrauensbruch betroffenen Person ist der Wunsch, der anderen Person wieder vertrauen zu wollen. Selbstvertrauen und Geduld mit sich selbst sind ebenso wichtig wie die Fähigkeit, den Schmerz zuzulassen, ohne in Selbstmitleid zu verfallen, sondern mit Selbstmitgefühl zu reagieren. Es ist entscheidend, sich dem Schmerz nicht zu entziehen, sondern alle Gefühle, auch unangenehme wie Wut und Trauer, zuzulassen. Die langfristige Unterdrückung dieser Emotionen wird nicht förderlich sein. Die Akzeptanz unangenehmer Gefühle ist daher unumgänglich, um einen ersten Schritt in Richtung Heilung zu machen.

Geduld ist eine weitere essenzielle Eigenschaft, da der Aufbau von Vertrauen Zeit benötigt. Positive Erfahrungen müssen sich ansammeln und zu einem umfassenden Gefühl von Vertrauen führen. Ein Vertrauensbruch kann als Wunde betrachtet werden, die über die Zeit heilen muss. 

Es ist wichtig, sich zu fragen: Warum möchte ich wieder vertrauen? Das Verstehen dieser Hintergründe kann dazu beitragen, auch den Wunsch nach Wiederaufbau des Vertrauens nachvollziehen zu können. Hierbei spielt die Auseinandersetzung mit bisherigen Beziehungserfahrungen und dem eigenen Urvertrauen eine entscheidende Rolle. Eine Reflexion über die Ursprünge von Misstrauen in der eigenen Lebensgeschichte ist hilfreich, um festzustellen, ob es ein generelles Thema ist. Des Weiteren sollte man überlegen, ob es sich wirklich um Misstrauen in die andere Person handelt oder ob eigene Selbstzweifel eine Rolle spielen.

Man sollte sich nicht mit dem „Warum?“ quälen, wie etwa: „Warum hat sie mich belogen?“ oder ähnliche Fragen. Durch diese Art der Selbstbefragung vertieft man sich nur weiter in das Problem und findet oft keine wirkliche Lösung für die Situation. Die Frage nach dem Warum kann von niemandem, und oft nicht einmal von den verantwortlichen Personen selbst, vollständig beantwortet werden.

Stattdessen kann man sich fragen, welche rationalen Gründe es dafür gibt, Vertrauen zu können und welche, es nicht zu tun. Falls das Misstrauen trotz fehlender rationaler Gründe hartnäckig ist, kann man sich fragen: Welche Funktion erfüllt mein Misstrauen?

Die Frage nach Vergebung stellt sich ebenfalls. Es ist wichtig zu klären, ob Vergebung notwendig ist oder ob eine klare Abgrenzung statt Vergebung angemessener ist, insbesondere bei schweren Vertrauensbrüchen.

Wozu dient Misstrauen? 

Misstrauen kann je nach Person verschiedene Funktionen erfüllen. Bei hartnäckigem Misstrauen kann es sich lohnen, die individuelle Funktion zu hinterfragen. Allgemein ist ein häufiger Grund, dass es ein Gefühl von Kontrolle vermittelt. Das Gegenteil von Kontrolle ist Vertrauen. Misstrauen dient dazu, uns vor Enttäuschungen zu schützen. 

Wie kann man Vertrauensprobleme erkennen?

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Es können unterschiedliche Dinge in Frage kommen. Zum einen könnte ein Verhalten, das nach Vertrauensproblemen aussieht, in Wirklichkeit mit eigenen Selbstzweifeln und Glaubenssätzen wie „Ich bin nicht wertvoll genug“ zusammenhängen. In diesen Fällen trägt der/die Partner:in keine Schuld an den Selbstzweifeln, kann jedoch unterstützen, an deren Überwindung zu arbeiten.

Auf der anderen Seite gibt es Verhaltensweisen, wie beispielsweise Aggressionen dem/der Partner:in gegenüber oder distanziertes Verhalten, die zwar nicht direkt nach Vertrauensproblemen aussehen, im Grunde jedoch auf Misstrauen zurückzuführen sind. Vertrauensprobleme können somit in unterschiedlichen Formen zum Ausdruck kommen.

Häufig manifestieren sich Vertrauensprobleme in Form von Verlustangst (Klammern), Bindungsangst (distanziertes Verhalten), Kontrollzwängen, Eifersucht oder einem starken Beschützerinstinkt. Es ist wichtig zu erkennen, dass diese Verhaltensweisen oft tiefgehende Wurzeln haben und eine differenzierte Herangehensweise erfordern.

Was hat das Vertrauen in andere mit Selbstvertrauen zu tun?

Vertrauen in andere und Selbstvertrauen sind eng miteinander verknüpft und spielen auf verschiedenen Ebenen eine entscheidende Rolle. Fremdvertrauen bezieht sich darauf, einer anderen Person zu vertrauen. Es geht darum, davon auszugehen, dass diese Person zuverlässig ist und positive Absichten hat. Selbstvertrauen bedeutet, sich selbst zu vertrauen, insbesondere die Gewissheit zu haben, dass man einen Vertrauensbruch überstehen kann. Hierbei spielt die Akzeptanz der Tatsache, dass es keine Garantie für dauerhaftes Vertrauen gibt, eine wesentliche Rolle.

Misstrauen kann oft als Vertrauensproblem getarnte Selbstzweifel widerspiegeln. Das Gefühl, nicht wertvoll genug zu sein, kann zu Unsicherheiten in der Beziehung führen. In solchen Fällen neigt man dazu, die Schuld für diese Unsicherheiten dem Partner zuzuschreiben, was zu Misstrauen führen kann.

Selbstvertrauen hat einen entscheidenden Einfluss auf das Vertrauen in andere. Nur wenn man sich selbst vertraut und ein gesundes Selbstwertgefühl hat, ist man eher bereit zu glauben, dass man es wert ist, dass andere in einen investieren. Ein starkes Selbstvertrauen bildet somit die Grundlage für gesunde zwischenmenschliche Beziehungen.

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Ist Vertrauen eine Entscheidung?

Deine bisherigen Beziehungserfahrungen, angefangen in der frühen Kindheit bis zu späteren Beziehungen, spielen eine bedeutsame Rolle und prägen deine Einstellung. Wenn du negative Erfahrungen gemacht hast, möchtest du dich durch Misstrauen schützen. Trotzdem, als erwachsene und reflektierte Individuen, haben wir die Fähigkeit, mutig zu sein und anderen Menschen zu vertrauen, selbst wenn wir in der Vergangenheit schlechte Erfahrungen gemacht haben. Dies gilt insbesondere dann, wenn es rationale Gründe für das Vertrauen gibt. 

Resilienz und die Existenz von Ressourcen im sozialen Umfeld können dafür sehr unterstützend sein. Es geht auch darum, die eigenen Bedürfnisse zu erkennen und zu verstehen, wie sie in Beziehung zu den Erfahrungen der Vergangenheit stehen.

Insgesamt zeigt dies, dass wir trotz vorangegangener schlechter Erfahrungen die Möglichkeit haben, bewusst zu handeln. Es ist wichtig, die eigenen Ressourcen zu nutzen und sich der verschiedenen psychischen Bedürfnisse bewusst zu sein, um in Beziehungen Vertrauen zu finden. 

Fällt es dir schwer Beziehungen einzugehen oder dich so richtig auf andere einzulassen? Bindungsangst ist ein weit verbreitetes Phänomen, das sich durch übermäßige Anpassung oder sehr freiheitsliebendes Verhalten äußern kann. Wenn du dich in diesen Worten wiederfindest und daran arbeiten möchtest, könnte der Kurs „Bindungsangst überwinden“ der Stefanie Stahl Akademie etwas für dich sein. Schau doch mal vorbei!

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